


Wenn der Berg nicht zum Läufer kommt, dann muss der Läufer eben zum Berg gehen. Das war bisher das Motto Berliner Sportfreaks, die zum Höhentraining ins Gebirge reisen mussten. Doch nun kommt gottlob ein Prophet, der uns Erlösung verspricht.
Es geschehen noch Zeichen und Wunder. Endlich denkt beim Tempelhof-Ideenwettbewerb auch mal einer an aufstrebende Berliner Freizeit-Läuferinnen wie mich! Die Idee des Architekten Jakob Tigges von einem 1000 Meter hohen Berg mitten in Berlin kommt einer wahren Offenbarung an meine innigsten Läufersehnsüchte gleich.
Zu welch unseligem Schicksal war man als Berliner Flachlandindianer bisher verdammt: Während die schweizerischen und österreichischen Sportsfreunde für ihr Training in gesunden alpinen Höhenlagen nur aus der Haustür fallen müssen und vor roten Blutkörperchen nur so strotzen, trabe ich allenfalls zwischen Häuserschluchten oder an Hochhaus-Skylines vorbei. Einmal im Jahr, nämlich regelmäßig zum legendären Transalpin Run im September, fordert meine mangelhafte Gebirgserfahrung zwangsläufig ihren Tribut: Nicht nur, dass ich mir für Startgebühr und Spesen einen All-inclusive-Urlaub hätte leisten können. Viel schlimmer ist der Kampf gegen die Höhenangst und die übermächtigen Vollblut-Bergler, die sich den Weg frei jodeln und einer nach dem anderen nonchalant an einem vorbeiziehen. Wie gerne würde ich die mal in die Horizontale bringen und in die weiten Steppen Mecklenburg-Vorpommerns verfrachten!
Mit dem Tausender werden wir Berliner Läufer auch endlich erhabene Dauerläufe im Frühtau zu Berge hinlegen. Vorbei an Gämsen und besonnen weidenden Rindviechern, über blühende Almwiesen und durch Wälder, umweht von frischer Berliner Bergluft mit von Natur aus dünnem Sauerstoffgehalt. Und all die Alm-Öhis und Geierwallys werden beim nächsten Transalpin Run ehrfürchtig zittern, wenn sie hören: Juliane trainiert jetzt auf "The Berg".
Nun gut, Glaube versetzt zwar selbst imaginäre Berge, aber bis es so weit ist, melde ich mich erst mal ganz real für die Höhentrainingskammer in der Charité an. Die alpine Traumkulisse kann man sich dann ja kostenlos dazudenken.
Servus und Grüezi!

Juliane Jung, 35, ist Simultanübersetzerin und wohnt in Berlin-Mitte. Wenn sie nicht gerade zwischen den Sprachen hin und her switcht, ist sie mit ihrem Terrier Torpedo in Berlin unterwegs. Sie liebt Sport und singt im Chor. Außerdem sammelt und bemalt sie mit Leidenschaft Blumentöpfe.